Historische Quellen
Die zeitlich frühesten Quellen zum Leben von Kaiser Claudius stammen, so scheinen sich die Historiker einig zu sein, von L. Annaeus Seneca
(*ca. 1 n. Chr.), dem späteren Erzieher von Nero. In einem Schreiben an Polybius, einen der freigelassenen Sekretäre des Kaiser Claudius (Ad Polybium de consolatione; verfasst 42 oder 43 n. Chr.) bekundet Seneca sein Beileid zum Tode eines Bruders des Polybius und preist in mehreren Passagen die Regentschaft von Claudius (u.a. Skizzierung einer auf clementia zentrierten Herrschaft) (Döpp, 1994). Von Seneca andrerseits erhalten ist ein späteres Werk Apocolocyntosis Divi Claudii (häufig als „Verkürbissung“ des Göttlichen Claudius übersetzt), eine Parodie auf die Vergöttlichung des Kaiser Claudius und Darstellung des Kaisers zu seinen Lebzeiten als einen behinderten Trottel, blutdürstigen Tyrannen und als ein menschliches Monstrum (Lund, 1996).
Flavius Josephus
(*37 n. Chr.) schildert ausführlich in seinen Werken Bellum Judaicum (Kapitel 11) und Antiquitates Judaicae (Buch XIX) die Ermordung Caligulas durch den Tribun Chaerea und die Thronbesteigung von Claudius mit Hilfe der Prätorianer. Während er in seinem ersten Buch eine aktive Rolle des Claudius bei der Thronbesteigung mit Führungseigenschaften beschreibt, verhält sich Claudius in seinem zweiten Buch eher passiv, erscheint unfähig zu begreifen was geschieht, und wirkt abhängig vom Rat des Agrippa I (ein Jugendfreud von Claudius; Sohn des Aristobulus, Neffe von Herodes des Großen) (Scramuzza, 1940: p.12) (Levick, 1990: p.33f).
Cornelius Tacitus
(*55 oder 56 n. Chr.) behandelt in 16 Büchern (Annalen) die Geschichte des julisch-claudischen Hauses vom Tode des Augustus an bis hin zum Jahr 68 n. Chr. (Syme, 1958). Von den Büchern sind nicht alle erhalten, hinsichtlich der Herrschaft von Claudius fehlen die ersten 6 Jahre: das Buch XI beginnt mit dem Jahr 47 n. Chr., das Buch XII schließt mit Neros Thronbesteigung. Im Buch XIII wird die Beisetzung von Claudius und die von Seneca verfasste Leichenrede des neuen Princeps Nero erwähnt. Tacitus beschreibt Claudius als schwach und inkompetent, unfähig die Machenschaften um sich herum zu erkennen, geschweige denn dagegen sinnvoll zu agieren (Scramuzza, 1940: p.22f). Im Erscheinungsbild wird Claudius reduziert auf Züge von Stumpfsinn (Timpe, 1994). Eine ausführliche Analyse zur Darstellung von Claudius bei Tacitus ist bei Griffin (Griffin, 1990) zu finden.
C. Suetonius Tranquillus
(*70 oder 75 n.Chr.) verfasst eine unterhaltsame Biographie über die römischen Kaiser (De Vita Caesarum) (Steidle, 1951). Er greift nicht nur auf übliche Quellen eines Historikers zurück, sondern auch auf Geschichten, deren Wahrheitsanspruch unklar ist, aber allgemein so erzählt wurden. Er porträtiert im Wesentlichen ein an Tacitus angelehntes Bild von Claudius (Scramuzza, 1940: p.27), ergänzt durch Anekdoten, die Claudius lächerlich erscheinen lassen, mit Anstößigkeiten im Erscheinungsbild und Auftreten, Mischung aus gelegentlicher Klugheit und häufiger Tollheit, überraschender Einsichtsfähigkeit und allgemeiner Unberechenheit (Timpe, 1994). Während seiner Tätigkeit als ab epistulis in der kaiserlichen Kanzlei unter Kaiser Traian hatte er Zugriff zu Quellen, die den übrigen Historikern sonst vorenthalten waren; daher sind ihm auchOriginalzitate aus Briefen zu verdanken, die Augustus selbst verfasst haben soll.
L. Claudius Cassius Dio Cocceianus (*ca. 155 oder 160 n. Chr.), Aristokrat und Consul in den Jahren 222 und 229 n. Chr., beschreibt in seinem Werk Historiae Romanae das Ausrufen des Claudius zum neuen Kaiser durch die Prätorianer (Buch 60) und endet mit der Vergiftung von Claudius durch ein Pilzgericht im Buch 61 (Epitome des Buches 61) (Millar, 1964). An dieser Stelle anzumerken ist, dass es sich bei den Epitomen um spätere (weitgehend fiktive) Ergänzungen handelt, also um Ergänzungen für verlorengegangene oder nur noch fragmentarisch erhaltene Original-Texte. Im Gegensatz zu Tacitus und Sueton zeichnet Cassius Dio ein anderes Bild von Claudius, gutmütig, hart-arbeitend, bestrebt um das Wohl seiner Bürger (Scramuzza, 1940: p.33): modestia, comitas und civilitas kennzeichnen den Charakter von Claudius bei Cassius Dio (Timpe, 1994).
Gaius Plinius Secundus
(Plinius der Ältere; * 23/24 n. Chr.) beschreibt Claudius in seiner Historia Naturalis als Autor, und Förderer von Bauwerken, als Princeps, Censor, Imperator und Eroberer und reiht Claudius als würdigen Nachfolger seiner Vorgänger Augustus und Tiberius ein (zitiert nach Scramuzza, 1940: p.34, und Baldwin, 1995: p.69f).
S. Aurelius Victor
(* ca. 320 n. Chr.) war ein spätantiker Geschichtsschreiber, der in Kurzfassung das Leben der Kaiser von Augustus bis Constantius II skizzierte. Er beginnt seinen Abschnitt über Claudius mit der Bemerkung, dass Claudius zwar ein verächtlicher Sklave der leiblichen Genüsse war, gekennzeichnet durch Schwachsinn und Gedächtnisschwäche sowie Furchtsamkeit und Feigheit, der aber dennoch aus Furcht und Achtung vor dem Senat manche trefflichen Maßregeln einführte (sinngemäß entnommen der Übersetzung von Groß-Albenhausen & Fuhrmann, 2002).